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Die altiranische Medizin
Die Quellen unserer Kenntnisse Über die Medizin im Iran in der Zeit vor der islamischen Eroberung sind wir nur durch die Angaben des Awestas informiert. Die persische Tradition führt das Awesta auf Ahura Mazda zurück, der es Zarathustra (7. bis 6. Jahrhundert v. Chr. und viele anderen Dokumenten über 2-3000 Jahr vor Chr.) übergeben haben soll. Dieses achämenidische Awesta wurde von Alexander von Makedonien verbrannt. Nur die Abhandlungen über die Astronomie und die Medizin blieben verschont und wurden ins Griechische übersetzt, und diese Funk ist später als Grundlage der alle medizinischen und Matemamatische und u.s.w in Europa geworden In späterer Zeit, als der zoroastrische Mazdaismus als Staatsreligion ausgerufen wurde, ging man daran, das Awesta zu rekonstruieren. Diese Arbeit wurde unter den arsarkischen Partnern in Angriff genommen, von dem Oberpriester Tansar auf Befehl des ersten Sassanidenkönigs Ardascher (224-241) fortgeführt und während der Regierungszeit von Schapur I. (241-272), dem Sohn Ardaschers, abgeschlossen. Wenn man der persischen Überlieferung folgen will, so ließ Schapur I. Schriften zur Medizin, Astronomie, Geographie und zu anderen Wissenschaften, die in Indien, Griechenland und anderswo verstreut waren, zusammentragen, um sie dem Awesta einzugliedern. Leider ist dieses sassanidische Awesta heute zum Großteil verloren, nur etwa ein Viertel des Textes ist erhalten geblieben. Neben einem archaischen Kernbestand um die Gatha des Zarathustra finden wir Elemente in weniger altertümlicher Sprache. Sie bilden das Neue Awesta, vor allem das Widewdat (oder Wendidad), den »Kodex gegen die Dämonen«, dessen Aussagen in den letzten drei Kapiteln den die Medizin betreffenden Ausführungen des Awesta in der uns überlieferten Form gleichen. Das sassanidische Awesta umfasste noch weitere Abschnitte zur Heilkunst, vor allem das 17. Nask des Nask Husparam, das dritte jener mit gesetzgeberischem Inhalt, wie man anhand der Analyse des Denkart, einer pahlewischen Zusammenstellung aus dem 9. Jahrhundert, feststellen kann. Das gleiche Denkart enthält darüber hinaus ein Kapitel, das sehr wohl die Zusammenfassung eines älteren Werkes über die Medizin darstellen könnte. In diesem Kapitel werden nacheinander die Heilkunst als solche, die Aufgaben des Arztes, die Krankheiten und die verschiedenen therapeutischen Maßnahmen abgehandelt. Aber der Text ist vor allem in den Passagen, die die medizinischen Techniken zum Thema haben, so unklar, dass man keine genaue Vorstellung über die Medizin unter den Sassaniden und noch weniger Aufschluss über mögliche Anleihen bei der indischen oder griechischen Heilkunst gewinnen kann. Dennoch kann ein hellenistischer Einfluss nicht ausgeschlossen werden, wenn man die Rolle berücksichtigt, die die Trockenheit, die Feuchtigkeit, die Kälte und die Hitze in diesen Ausführungen spielen. Denn dabei handelt es sich um die griechischen Begriffe xnron, gron, pyxron und termon. Wenn man einmal alle Abschnitte medizinischer Thematik der wedischen und der awestischen Texte miteinander vergleicht, so werden bestimmte Übereinstimmungen zwischen den indischen und den iranischen Aussagen zur Heilkunst deutlich. Diese Beobachtungen müssen allerdings nicht unbedingt mit der indoarischen Völkergemeinschaft begründet werden. Denn ein Volk konnte ja zum Beispiel bestimmte eigenständige Erkenntnisse des anderen auf dem Gebiet der Medizin übernehmen. In der Tat sind die Beziehungen zwischen Indien und dem Iran seit dem Altertum äußerst beständig gewesen. Die Tscharaka Samhita, eine der ältesten medizinischen Abhandlungen im Sanskrit, belegt die Anwesenheit eines Arztes iranischer Herkunft in dem Kreis um den Meister Atreja. Auf der anderen Seite weiß man um die bedeutende Rolle, die die indische Wissenschaft innerhalb der berühmten Schule von Gondeschapur gespielt hat, die im 5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung von aus dem Byzantinischen Reich vertriebenen Nestorianern gegründet wurde.
Die Krankheiten Das Awesta begründet den Ursprung aller Krankheiten mit dem Geist des Bösen, Angra Mainju , oder mit bestimmten Wesenheiten, die ihm unterstellt sind, wie die Jatu, die Pairika, die Schaini oder die Drudsch. Bei den awestischen Jatu handelt es sich entweder um Dämonen oder um menschliche Zauberer. Der Terminus Jatu erscheint auch im Rigweda. Hier bezeichnet er sowohl die Zauberei als auch den Zauberer selbst, für den es noch den Spezialausdruck Jatudhana, »der die Zauberei (in sich) Tragende«, gibt. Die Pairika und die Schaini sind weibliche Dämonen. In der wedischen Literatur gibt es für sie keine Entsprechungen. Im Gegensatz dazu finden die Drudsch, ebenfalls weibliche Geister, ihr Pendant in den Druh der Weden. Trotz dieser ursprünglichen Verwandtschaft findet man gleichwohl keine der awestischen Drudsch unter den wedischen Druh. Alle diese bösartigen Wesen gehen in den Dakhma um. In diesen »Türmen des Schweigens« werden die Leichen der Verstorbenen aufgebahrt, um von den Geiern verschlungen zu werden. Die Dakhma sind vor allem das Reich der Drudsch Nasu, die für die Verwesung der sterblichen Überreste verantwortlich ist: Sobald der Tod eingetreten ist und die Seele den Körper verlassen hat, fällt die Drudsch Nasu aus den Regionen des Nordens über diesen her. Sie besitzt die Gestalt einer riesigen Fliege mit Schwanz und angewinkelten Vorderbeinen. Sie summt ohne Unterlass und gleicht den übel stinkenden Khrafstras. Sie bleibt auf den Leichen sitzen, bis sich die Fleischfressenden Vögel auf diese herabgesenkt haben. Nach allgemeiner Ansicht stellt ein Verstorbener die Ausgangsbasis für eine Seuche dar. Seine Kleidung muss entweder vernichtet oder gereinigt werden, denn sie ist von der Drudsch Nasu befleckt worden: »Wenn sich Sperma, Blut, Kot oder Erbrochenes auf dem Kleid befinden, so werden die Anbeter des Mazda dieses in Stücke reißen und eingraben. Wenn sich aber weder Sperma noch Blut noch Kot oder Erbrochenes auf dem Kleid befinden, so werden die Anbeter des Mazda dieses mit Rinderurin waschen« . Im Anschluss an die zitierte Stelle gibt das Awesta detaillierte Vorschriften für das Vorgehen. Sie sind mehr oder weniger umfangreich, je nachdem, ob das Kleidungsstück aus Stoff oder aus Leder ist . Aber selbst gereinigt und gewaschen dürfen die Kleider des Verstorbenen »weder von einem Priester noch von einem Krieger oder von einem Arbeiter« getragen werden. Sie können höchstens als Laken oder Polster für einen Kranken dienen. Diese prophylaktischen Maßnahmen, die mit der Preisgabe der Leichen an die Raubvögel beginnen, beruhen allerdings nicht nur auf medizinischen Überlegungen. Sie erklären sich vielmehr aus einer instinktiven Abneigung gegenüber Leichnamen, die noch durch den Glauben an eine den Körpern entweichende krankheitbringende Kraft verstärkt wird, wobei hinter allem eine einheitliche Vorstellung vom Bösen steht. Am Beginn des Kampfes der beiden Prinzipien Gut und Böse schuf Angra Mainju, der Geist des Bösen, 99999 gegen Ahura Mazda gerichtete Krankheiten. In der Folgezeit verringerte sich diese Zahl, so daß das Denkart nicht mehr als 4333 Krankheiten nennt. Das Awesta hat uns die Namen einer Anzahl dieser Leiden überliefert. Einige von ihnen werden mehrfach in den verschiedenen Abschnitten des Wendidad genannt. Sie erscheinen hier als Dämonen, die es auszutreiben gilt: »Ich vertreibe das Ischire, ich vertreibe das Aghuire. Ich vertreibe das Aghra, ich vertreibe das Ughra. Ich vertreibe die Krankheit, ich vertreibe den Tod. Ich vertreibe den Schmerz und das Fieber. Ich vertreibe das Sarana und das Sarastja. Ich vertreibe das Azhana und das Azhahwa. Ich vertreibe das Kurugha und das Azhiwaka ...«. An anderen Stellen sind weitere Namen von Krankheiten wie Naeza, Paman, Garenu und Wawareschi (Jascht, XIII, 131) genannt. Die meisten dieser Bezeichnungen sind unverständlich und müssen es bereits unter den Sassaniden gewesen sein. Sie wurden nämlich in der während der Regierungszeit von Schapur II. (310-379) angefertigter pahlewischen Version des Awesta nicht übersetzt. Dennoch hat man einige Übersetzungsversuche unternommen, wobei man sich besonders auf Vergleiche mit den in der wedischen Literatur genannten Bezeichnungen stützte. So meint das Wort Paman, das dem Awesta und dem Weda gemeinsam ist, vielleicht eine entzündliche Krankheit, wenn man sich auf den Atharwaweda bezieht. In der Tschandogja Upanischad allerdings entspricht es einer Hautkrankheit, nämlich der »Krätze«. Man hat ferner einen Zusammenhang zwischen dem awestischen Druka und dem Dadruka im Sanskrit gesehen, das in der Form Dadru in der medizinischen Literatur Indiens seit Susruta vorkommt. Bei diesem Autor bezeichnet Dadru eine »flechtenartig sich weiterfressende und Pusteln aufweisende« Dermatose (Susruta Samhita, Nidanasthana, V, 5). Die nachfolgenden Erläuterungen erlauben es uns jedoch nicht, diese Hautkrankheit näher zu präzisieren. Letztlich beschränken sich die Übereinstimmungen in der nosologischen Terminologie der Weden und des Awesta auf einige Bezeichnungen für Krankheiten der Haut. Dies legt die Vermutung nahe, daß es zur Zeit der indoarischen Völkergemeinschaft noch keine festumrissene Nosologie gegeben hat. Die wenigen Ausführungen zeigen, daß die alten Iraner wie die mit ihnen verwandten Arier offensichtlich überhaupt keine Vorstellung von pathophysiologischen Prozessen gehabt haben. Infektionen und Fieber stellen im menschlichen Bereich Manifestationen des kosmischen Angriffs der Kräfte des Bösen gegen Ahura Mazda dar. Der auf diesen Angriff folgende Kampf wird durch den Gegensatz zwischen Ascha und Drudsch (Ordnung und Unordnung) symbolisiert. Ein derartiges Gegensatzpaar läßt sich auch im Weda mit den Begriffen Ritu und Druh feststellen, allerdings mit weniger konsequenter Systematik als im Awesta.
Die Therapie Das Awesta unterscheidet drei Mittel, die zum Sieg über die Krankheit führen: das Messer (Kareta), die Pflanzen (Urwara) und die geheiligte Formel (Mantra spenta). Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich um eine dem gesamten indo-europäischen Kulturkreis gemeinsame Unterscheidung, wie die Existenz einer vergleichbaren Tradition bei den Griechen belegt. Sie wird uns durch Pindars III. Pythische Ode überliefert. Der Dichter erinnert an Asklepios, der von seinem Vater Apoll als Kind dem Zentaur Chiron anvertraut wurde, »auf daß dieser ihn darin unterweise, die schmerzhaften Krankheiten der Menschen zu heilen«. Pindar fährt fort: »Jeden, der zu ihm kam, erlöste er von seinem Leiden; solche, die ein in ihrem Fleisch herangewachsenes Geschwür trugen; solche, die irgendwo durch blankes Metall oder durch einen Schleuderstein verletzt worden waren; ferner solche, deren Leib duch die Hitze des Sommers oder die Kälte des Winters verunstaltet worden war. Die einen heilte er durch süße Zauberei, den anderen gab er wohltätige Tränke oder legte alle Arten von Heilmitteln auf ihre kranken Glieder, wieder andere schließlich machte er durch gezielte Schnitte gesund.« Die Schnitte in diesem Zitat entsprechen dem Messer des Awesta, die wohltätigen Tränke den Pflanzen und die Zauberei dem Mantra. Die Annahme, daß diese Vorstellung vom therapeutischen Vorgehen auf ein hohes Alter zurückblicken kann, wird durch einen knappen Hinweis des Rigweda unterstützt, wo sie implizit auftaucht: »Euch, o Nasatjas, nennt man die Heiler des Blinden, des Abgemagerten und des Knochenbrüchigen«. Tatsächlich leidet der Blinde an einer Behinderung, die man seinerzeit für die Folgeerscheinung einer Verwünschung gehalten hat, die somit allein ein Mantra heilen konnte. Für den Abgemagerten ist eine stärkende und heilende Behandlung mittels Pflanzen angezeigt. Die Knochenbrüche schließlich verlangen die Bemühungen eines Chirurgen. Diese Einteilung der Heilmaßnahmen in drei Gruppen belegt entgegen den bisweilen aufgestellten Hypothesen allerdings keine allen indo-europäischen Völkern gemeinsame medizinische Lehre. Man findet im Awesta einen Hinweis auf die Herkunft des Chirurgenmessers, das der Heros Thrita von Kschathra Wairja, dem Unsterblichen Wohltäter (Amescha spenta) und Herrn der Metalle, erhalten haben soll. Thrita, der Vermittler zwischen den Göttern und den Menschen, wird uns als Vornehmster der Ärzte vorgestellt. Ihm hat Ahura Mazda die Heilpflanzen gegeben. Sie wachsen im Überfluß rund um den Gaokerena oder weißen Haoma, den mythischen Baum des Meeres Wurukascha. Das Wasser dieses Meeres schenkt als Saft den Guten das ewige Leben, in Fluten von flüssigem Metall jedoch begräbt es die Bösen unter sich. Es gibt eine irdische Form des Haoma. Das Awesta beschreibt den Haoma als Pflanze »von goldener Farbe mit biegsamen Stengeln« (Jasna, IX, 16), die im Gebirge wächst. Als Opfergabe stellt der gelbe Haoma die vornehmste aller Heilpflanzen dar. Man erwartet von ihm »Weisheit, Kraft und Sieg, Gesundheit und Genesung, Reichtum und Ansehen ...«. Die Wirkung des Haoma wird noch eingehender erläutert: »Die geringste Opfergabe mit Haoma, der geringste Lobpreis des Haoma und der geringste Schluck Haoma reichen bereits aus, um Tausende Daewas zu töten. Alles Übel, das die Dämonen hervorgerufen haben, entweicht in jenem Augenblick, in dem eine Hausgemeinschaft oder ein Mann sich des Haoma bedient ...«. Das Awesta gibt uns auf dem Gebiet der Heilmittellehre jedoch außer diesen Überlegungen über die Qualitäten des Haoma keine weiteren Informationen. Das pahlewische Denkart unterscheidet zwar zwischen siebzig Gruppen von Medikamenten pflanzlichen Ursprungs, zählt sie aber leider nicht auf. Man findet allerdings im Wendidad die Namen einiger »wohlriechender Pflanzen«, die man ins Feuer werfen muß, um die von der Drudsch Nasu verseuchten Lebewesen und Gegenstände zu läutern. Es handelt sich dabei um Urwasni, Wohu-gaona, Wohu-kereti und Hadhanaepata. Ihr vom Feuer verbreiteter Duft »tötet sogleich die unsichtbaren Daewas zu Tausenden, ferner die Dämonen, das Gezücht der Finsternis, sowie die Paare der Jatus und Pairikas«. Urwasni ist ohne Zweifel die Alaunwurzel (persisch Rasan), eine Pflanze aus der Familie der Korbblütler, deren Wurzel ein ätherisches Öl enthält (Ol. Helenii). Man hat die Vermutung geäußert, daß sich Wohu-gaona auf eine Pflanze oder ein Holz mit schwarzer Rinde bezieht, da der Begriff in der wörtlichen Übersetzung »schwarze Haare« heißt. In der gudscharatischen Übertragung des Wendidad ist mit Wohu-gaona das Olibanum, ein Gummiharz, gemeint. Wohu-kereti hingegen kann als Aloepflanze identifiziert werden, die nach Hippokrates als Mittel zur Bekämpfung der Pest von den Griechen auf öffentlichen Plätzen verbrannt wurde. Hadhanaepata bezeichnet den Granatapfelbaum. Seine Rinde liefert einen der Bestandteile des Opfergetränkes Parahaoma. Dieses wird zubereitet, indem man Granatapfelbaumrinde und gelben Haoma zerstößt und das Ganze mit geweihter Milch und Weihwasser vermischt. Das Awesta erwähnt darüber hinaus zwei Pflanzen, Bangha und Schaeta , die als Abführmittel benutzt worden sein sollen. Man kann über diese beiden Drogen keine sicheren Aussagen machen. Möglicherweise handelt es sich bei der erstgenannten um Haschisch, den indischen Hanf (Bhanga im Sanskrit). Im Awesta wird ferner die Dosis erwähnt, die beim Gebrauch eines Heilmittels nicht überschritten werden darf. Während des Opfers (Jasna) ruft der Priester den Haoma an und fügt hinzu: »Du enthältst gesundheitbringende Kräfte, sofern du nur im rechten Maße angewendet wirst«. Tatsächlich erweisen sich viele Pflanzen als giftig, sobald man die Dosis erhöht. Die Ärzte des Ahura Mazda, die mit Sicherheit eine bestimmte Zahl giftiger Pflanzen benutzt haben, werden sich ihrer Wirkung bewusst gewesen sein. Das Awesta erwähnt zudem auch das Wisch (Gift) und führt aus, dass es die Speise der Verdammten darstellt. Der Ausdruck Wisa im Sanskrit entspricht etymologisch dem iranischen Wisch. Er bezeichnet »Gift« im allgemeinen und verschiedene Arten von Alkaloiden im besonderen, vor allem das Aconitin, ein hochtoxisches Alkaloid, das aus Hahnenfußgewächsen gewonnen wird und nicht nur als Gift, sondern auch als Heilmittel verwendet wurde. In dieser Funktion scheint es auch in den Arzneimittellisten auf. Wenn die Behandlung einer Krankheit mit dem Messer und mit Heilpflanzen nicht zu dem gewünschten Ergebnis führt, kann man nur noch auf die Beschwörungsformeln (Mantras) zurückgreifen. Zu dieser therapeutischen Maßnahme gibt uns das Awesta einige Beispiele. Dort wird erläutert, daß, wenn mehrere Ärzte sich um den Kranken bemühen, einer das Messer, der zweite die Heilpflanzen und der dritte das Mantra gebrauchen solle. Der letztere ist »der vornehmste Heilkundige unter den Heilkundigen«. Die dritte Behandlungsmethode besteht in Zaubersprüchen, wovon der mit dem Titel Airjama ischjo am wirksamsten ist. Der Name leitet sich her von den Anfangsworten der Zauberformel: »der alle Wünsche im Übermaß erfüllende Airjama«. Der Spruch wendet sich an den Genius Airjama, den Ahura Mazda mit der Vertreibung der Krankheiten und des Todes beauftragt hat. Es sei darauf hingewiesen, dass das Denkart den drei im Awesta genannten Heilmethoden zwei weitere hinzufügt, nämlich die Heilung durch das Feuer und die durch Ausbrennen (Denkart, CLVII, 8-9). Der Text sagt, das Feuer »vertreibt die Fäulnis und den sich in der Luft ausbreitenden Geruch der Krankheit«. Das Ausbrennen, das »bestimmte Krankheiten des Körpers« Hinwegnehmen kann, wird über die Chirurgie gestellt. Das Wasser bildet eine weitere Heilquelle. Wasser ist mit den Drogen eng verbunden, denn der Regen macht die Erde fruchtbar und läßt die Pflanzen heranwachsen, aus denen man die Arzneien gewinnt. In den Wasserfluten des Meeres Wurukascha wächst der Unsterblichkeitsbaum Gaokerena. Die Gewässer und die Pflanzen unterstehen Haurwatat und Ameretat beziehungsweise den Amescha spenta der Gesundheit und Unsterblichkeit. Das Wasser erscheint als Fruchtbarkeit spendendes Element in einer Zauberformel, mittels derer die Empfängnisfähigkeit und der Milchfluss der Frau herbeigeführt werden sollen . Der Jasna (XXXVIII) ruft die Gewässer unter siebzehn Namen an, in denen die Überlieferung siebzehn verschiedene Arten von Flüssigkeiten erkennt. Der Große Bundahisch trifft folgende Unterscheidung: die Feuchtigkeit des Taus, der sich auf die Pflanzen niedersinkt; das von den Bergen herabstürzende Wasser; das Regenwasser; stehende Gewässer; Sperma, Urin und Speichel; das in der Haut befindliche Wasser; Tränen und Schweiß; das Öl, das in beiden Welten Gegenstand des Verlangens ist; die Flüssigkeit, die sich bei der geschlechtlichen Vereinigung der Menschen wie der Tiere bildet; das Blut; die Flüssigkeit, die den Fötus nährt; das Wasser, das sich unter den Stämmen der Bäume befindet; das Wasser in den Pflanzen; schließlich die Milch. Mehrere dieser Angaben finden sich auch in den Weden. Der wedische Soma entspricht dem Haoma des Awesta. Er ist ebenfalls gleichzeitig ein als Opfertrank dienender Pflanzensaft und die vornehmste aller Pflanzen, die außerdem dem Wasser zugeordnet wird. So heißt es im Rigweda: »In den Wassern befindet sich der Saft der Unsterblichkeit, in den Wassern ist das Heilmittel«. Der Heros Thrita, der als Oberster der Ärzte angesehen wird, hat sein Pendant in dem wedischen Trita. Gleichwohl haben diese Personen nicht die gleichen Aufgaben. Thrita gibt den Menschen die Heilmittel Kschathra Wairjas und Ahura Mazda, Trita hingegen belegt sie im Auftrag der Götter mit dem Makel der Befleckung. Diese inhaltlichen Unterschiede erklären sich aus der Tatsache, daß die (bösen) indischen Dämonen in der Regel unter den (guten) iranischen Gottheiten auftauchen. Trotzdem ist die Rolle des wedischen Trita nicht ausschließlich bösartiger Natur. Denn er bereitet den Soma zu, ebenso wie Thrita den Haoma. Andererseits entspricht das awestische Mantra genau dem wedischen Mantra. Die Therapie mittels Beschwörungsformeln, wie sie im Awesta dargelegt wird, zeigt keine deutlichen Übereinstimmungen mit der, die wir von den wedischen Texten her kennen, wenn auch die Wirksamkeit des Mantra gegen die Kräfte des Bösen mit der Macht verglichen werden kann, die in Indien dem Mantra zugeschrieben wird. Die die magischen Kräfte auslösenden Beschwörungsformeln selbst sind einfach strukturiert und wenig charakteristisch. Man findet hier Parallelen zwischen den Weden und den babylonischen Keilschrifttäfelchen. Das Awesta gibt uns unter anderem einige Hinweise zur Behandlung einer Frau, die eine Totgeburt hatte. Bevor die Patientin irgendeine andere Nahrung zu sich nehmen konnte, musste sie drei, sechs oder neun Schluck einer Mischung aus Asche und Rinderurin trinken. Dieses Gebräu war offensichtlich dazu bestimmt, ihren Leib von der Befleckung durch die Berührung mit dem Tod zu reinigen. Danach durfte sie gekochte Stuten-, Kuh-, Schafs- oder Ziegenmilch zu sich nehmen. Der Genuss von Wasser aber war ihr außer bei Fieber untersagt. Die Ärzte Wir haben oben gesehen, dass das Awesta zwischen dem die Chirurgie praktizierenden Arzt, dem mit Hilfe von Pflanzen behandelnden Mediziner und dem die Krankheitsdämonen mit Zaubersprüchen austreibenden Exorzisten eine scharfe Unterscheidung vornimmt. Wir verfügen darüber hinaus über eine bestimmte Anzahl ziemlich genauer Informationen zum Beruf des Arztes. Sie sind im VII. Kapitel des Wendidad zusammengestellt. Wir erfahren dort, dass ein Chirurg der Religion des Ahura Mazda so lange keine Angehörigen der eigenen Glaubensgemeinschaft behandeln durfte, bis er mit Erfolg drei Patienten anderer Religionszugehörigkeit operiert hatte. Wenn er sich nach drei missglückten Versuchen dennoch erdreistete, einen Anbeter Ahura Mazdas zu behandeln und diesen während der Operation durch einen Kunstfehler verletzte, so musste er dies mit der Baodhowarschta genannten Strafe bezahlen. In einem Kommentar finden wir die Erläuterung, dass diese Buße im Abhacken von sechs Fingern bestanden hat. Ist aber ein Arzt in den Berufsstand aufgenommen worden, so können sich seine Bemühungen auf Menschen wie auf Tiere erstrecken. Dies geht aus einer Textstelle hervor, in der die Flöhe des ärztlichen Honorars festgelegt wird: »Der Arzt wird einen Priester für den göttlichen Segen heilen. Er wird einen Familienvater für ein Rind geringeren Wertes heilen. Er wird den Vorsteher einer Festung für ein Rind mittleren Wertes heilen. Er wird den Vorsteher eines Bezirkes für ein Rind gehobenen Wertes heilen. Er wird den Herrscher eines Landes für ein Viergespann heilen ... Er wird ein Rind gehobenen Wertes für ein Rind mittleren Wertes heilen. Er wird ein Rind mittleren Wertes für ein Rind geringeren Wertes heilen. Er wird ein Rind geringeren Wertes für einen Hammel heilen. Er wird einen Hammel für ein Stück Fleisch heilen«. Die formale Anlage dieser berufsständischen Regelung erinnert unmittelbar an einige Gesetze des Codex Hammurabi (18. Jahrhundert v. Chr.), die die Rolle des Arztes in der babylonischen Gesellschaft zum Inhalt haben. Das Honorar wurde damals entsprechend der gesellschaftlichen Stellung des Patienten festgelegt. Wenn man dem Arzt die Verantwortung für den Tod eines freien Mannes nachweisen konnte, so waren ihm die Hände abzuhacken. Diese Angaben des Wendidad können durch die Analyse des im Denkart enthaltenen Nask Husparam vervollständigt werden. Dieses Nask behandelt vor allem den Anteil des Amescha spenta aschwahist und den des Arztes bei der Heilung des Kranken, ferner die Würde des ärztlichen Berufes, das Honorar des Arztes gemäß der Stellung des Patienten, die Verpflichtung des Anbeters Ahura Mazdas, einen iranischen Arzt einem ausländischen vorzuziehen, die Bezahlung eines ausländischen Mediziners und vieles andere mehr. Wir wissen nicht, ob diese Vorschriften bereits in der Achämenidenzeit angewendet worden sind. Auf jeden Fall verfolgten die Achämeniden im Gegensatz zu den Sassaniden eine weniger protektionistische Politik und beriefen häufig Praktiker aus dem Ausland in ihr Reich. Dareios I. der Große (522-486 v. Chr.) hatte zunächst ägyptische Ärzte in seinem Gefolge, die er dann durch den griechischen Mediziner Demokedes von Kroton ersetzte (Herodot, III, 129-138). Nach der Überlieferung hat Artaxerxes I. Makrocheir (464-424 v. Chr.) vergeblich versucht, Hippokrates an seinen Hof zu ziehen. Ein weiterer Grieche, Ktesias von Knidos, war lange Leibarzt Artaxerxes' II. Mnemon (404-358 v. Chr.). Im Jahre 401 v. Chr. nahm er sogar an der Schlacht von Kunaxa teil, in der Artaxerxes siegte und seinen Bruder Kyros den Jüngeren tötete, der ihm den Thron streitig machte. Ein Landsmann des Ktesias, Apollonides von Kos, der ebenfalls als Arzt in Persien arbeitete, hinterließ dort einen wenig schmeichelhaften Eindruck: Ktesias berichtet uns in seinen Persika, daß Apollonides seine Stellung als Arzt ausgenutzt habe, um Amytis, die Tochter des Xerxes, zu missbrauchen (Persika, nach den Exzerpten des Photios, XLII). Die Welle der ausländischen Ärzte behinderte gleichwohl nicht die iranische medizinische Tradition, die sich bis zum Einbruch des Islam halten konnte.
Abbildungen 159. Zubereitung eines Heilmittels. Miniatur aus einer Abhandlung über die Medizin. Bagdad-Schule, 13. Jahrhundert.
160. Ein geflügelter Genius hält Mohnblüten in der Hand. Flachrelief aus dem Palast des Königs Assurbanipal.
161. Geflügelter Genius mit Adlerkopf. Palast Sargons II. in Chorsabad. 8. Jahrhundert v. Chr.
162. Täfelchen mit Beschwörungen gegen Lamaschtu. Vorderseite.
163. Prozession. Aus dem »Grab mit der Standarte«. Bemalte Keramik aus der Stadt Ur nahe der ehemaligen Euphratmündung.
164. Ein löwenköpfiger Dämon hält einen Vogel in den Händen. Lagasch (heute Tello), Ende der Sumerer-Zeit.
165. Phönizische Totenmaske aus Gold. 1000 v. Chr.
166. Ein bärtiger Gott hält den dreikapseligen Mohn in der Hand. 8. Jahrhundert v. Chr.
167. Hoher goldener Trinkbecher. Die Goldschmiede von Amlasch hatten eine Vorliebe für große Trinkgefäße aus Gold oder Silber. Dieser Künstler wählte bekannte Motive aus der Tierwelt.
168. Der langbärtige Gilgamesch, Held eines assyrischen Epos, bändigt ein wildes Tier.
169. Eine Opferszene, wie sie ähnlich in Assyrien stattgefunden haben könnte. Die indischen Dämonen erscheinen auch unter den Göttern des Iran. Indische Miniatur aus dem 17. Jahrhundert.
170. Statuette einer Frau vom sogenannten Fettsteißtypus. Dieses Werk erinnert unwillkürlich an manche Richtungen der zeitgenössischen Kunst. Amlasch, 9./8. Jahrhundert v. Chr.
171. Ein Kind mit Namen Tarhunpidschas steht auf den Knien seiner Mutter. Es hält in der linken Hand die Leine eines gezähmten Falken und in der rechten möglicherweise einen Pinsel. 8. Jahrhundert.
172. Die goldene Gründungstafel von Apana. Die Inschrift ist dreisprachig gehalten, nämlich in Altpersisch, Elamitisch und Babylonisch. Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr.
173. Der Codex Hammurabi. Auf dem Dioritblock ist in akkadischer Sprache die älteste Gesetzessammlung der Welt eingemeißelt. Im oberen Blickfeld der König im Gebet vor Schamasch. |